Ein Haschen nach Wind

16-Jun-2020

Moin! Am Anfang dieses Jahres hatte ich ein paar Ideen was ich unbedingt im Vikariat machen wollte. Ich wollte mit meinen Konfirmanden wegfahren, und ein paar schöne Tage verbringen.

Ich wollte meine ersten Amtshandlungen wie Taufen und Hochzeiten gestalten. Und ich hatte auch ein paar Projekte in meiner Kirchengemeinde vor. Ja, das war am Anfang des Jahres.

Am Anfang dieses Jahres hätte ich nicht gedacht, dass ich irgendwann meine Ansprüche so weit zurückfahre, dass mein höchstes Ziel ist, irgendwann mal wieder jemanden die Hand zu geben.

Auch wenn jetzt schon vieles wieder möglich ist, bemerke ich besonders im Sonntagsgottesdienst, dass die Normalität noch weit entfernt ist. Man hat sich inzwischen an vieles, wie die Schutzmasken, gewöhnt. Trotzdem fühlt sich für mich vieles nur behelfsmäßig an. Auch eine Planung für die Zukunft ist schwer, da sich alles von einem auf den anderen Tag ändern kann. Einen längerfristigen Plan aufzustellen ist wie als würde man versuchen nach Wind zu greifen.

Die Aufmerksamen werden jetzt bemerken, dass ich vor kurzem im Alten Testament das Buch des Predigers gelesen haben. („Alles ist ein Haschen nach Wind“). Ich mag dieses Buch nicht nur, weil es ein relativ kurzes Buch ist und sich als Zwischendurch Lektüre eignet. Ich mag dieses Buch auch, weil ich glaube den Prediger zu verstehen. Er spricht mir aus der Seele. Alles was man tut ist doch nur ein haschen nach Wind. Zumindest kommt es mit in letzter Zeit so vor. Alle die Pläne die man für dieses Jahr gemacht hat sind weg. Und alles was man tut, scheint nur eine Übergangslösung zu sein. Man improvisiert sich sein Leben, seine Arbeit, seine Schule, seine Ausbildung irgendwie so zurecht. Alles ist ein Haschen nach Wind…

An dieser Stelle inspiriert mich das Buch des Predigers sehr. Er sagt nämlich Geh, Iss und trink und freue dich deines Lebens. Tue das was dir Freude macht. Diese Lösung scheint auf den ersten Blick etwas zu einfach. Sie könnte so auch in einem billigen Kalender stehen. Für mich hat dieses Aussage aber eine besondere Tiefe.

Ich glaube der Prediger denkt über einen frommen Kalenderspruch hinaus. Wir sollen nicht alles stehen und liegen lassen, und nur noch auf unserem eigenen Spaße schauen. Sondern ich glaube es geht vielmehr darum, dass was wir tun mit Freude zu erledigen und im Vertrauen auf Gott.

Natürlich ist es frustrierend liebe Menschen nicht sehen oder ihnen nahe sein zu können. Es ist frustrierend, wenn Pläne ausfallen. Aber ich sehe auch, dass Dinge möglich werden, die vorher unmöglich schienen. Autokinos feiern ihre Rückkehr. Menschen die vorher selten ein Smartphon in den Händen hatten, schauen sich Veranstaltungen im Internet an. Man verabredet sich zum feiern auf Skype und anderen Plattformen.

Vieles funktioniert. Nicht perfekt. Nicht um das was wir vorherhatten zu ersetzen… aber es funktioniert. Und das ist das wichtigste. Auch eine weltweite Pandemie kann uns nicht davon abhalten, das zu tun, wofür wir brennen. Ich bemerke an vielen Stellen, auf neue Weise zusammenkommen können. Und ich danke Gott für jeden Menschen der das möglich macht. Ich danke für die Menschen, die ihre Fähigkeiten in Bezug auf das Internet und die „Neuen Medien“ teilen. Ich danke für die Menschen die unermüdlich daran arbeiten, neue Ideen auszuarbeiten, wie wir unter den Schutzmaßnahmen zusammenkommen können. Und ich danke für die Menschen die sich auf diese „Neue Normalität“ einlassen obwohl es schwerfällt. Ich bete darum, dass wir uns auch in dieser Zeit nicht aus den Augen verlieren. Und ich bitte darum, dass Gott uns den Rücken stärkt, damit wir auch in dieser besonderen Zeit weiter eine Gemeinschaft in Christus sein können.

Ihr

Vikar Hans-Christian Baden-Rühlmann